Die satanische Ferse?
Marc Hohrath
Aus Hamburg,
Krankenpflegelehrer, Diplom Pädagoge
Barfuß war für mich früher eher ein (ziemlich schlechter) Film von Til Schweiger, als eine sinnvolle Art der Fortbewegung. Lediglich am Strand war Schuhfreizone, aber auch dort erfolgte der besorgte Appell meiner Mutter, die für Nordseestrände typisch-tückischen Wattenmeer-Priele seien „sehr hart“ und an den dort abgelagerten Muschelresten könne man sich leicht schneiden. Tat ich zwar nie. Ihrer Warnung folgen hingegen schon.
Als ich für meinen - in naher Zukunft anstehenden - Umzug nach Hamburg 2015 anfing, Ballast abzuwerfen und meine relativ kleine, dafür aber relativ vollgestellte Wohnung in Düsseldorf auszumisten, stieß ich erstmals auf das Thema Minimalismus und auch: Barfußschuhe. Diese ließen sich der Länge nach aufrollen, zusammenfalten, jedenfalls platzsparend unterbringen. Gesund waren sie ebenfalls.
Meine ersten Barfußschuhe wurden auch gleich meine einzigen Schuhe überhaupt. Schweren Herzens trennte ich mich sogar von meinen geliebten „Chucks“, die jahrzehntelang hartnäckig ignorierte Enge ihrer Zehenbox war schlicht nicht mehr auszuhalten. Ich war angefixt vom Barfuß-Thema, von der neuen Natürlichkeit, von der simplen Logik möglicher Heilung durch Rückbesinnung auf evolutionär vorhandene, aber zivilisationsbedingt brachliegende Potenziale.
Ich joggte fortan in Zehenschuhen, mit miesesterTechnik, aber höchster Motivation. Verletzt habe ich mich nur ein einziges Mal, an einer Glasscherbe. Gottlob verfügte die nahegelegene Bäckerei, auf deren Toilette ich mich zur Entfernung des “corpus delicti“ zurückzog, über roten Teppichboden. Meine Lust aufs Barfußlaufen schmälern konnte das jedoch nicht.
Dafür aber einige Video-Tutorials. Ich lernte recht schnell: Der Fersenlauf sei unbedingt zu meiden, sei das Böse, ein Verstoß gegen urzeitlich gewachsene Perfektion sämtlicher Naturvölker dieser Erde, der Todesstern unter den Lauffehlern. Allein: Wie denn dann? Ich lief übertrieben auf dem Vorfuß, stellte Wade und Achillessehne vor vollendete Tatsachen, was sie umgehend mit Schmerz und nächtlichen Krämpfen quittierten. Eine jahrelange Odyssee.
Im schönen Alfter schließlich sollte 2023 alles besser werden. Dank Corona musste das zwar über ein Jahr und zwei abgesagte Ausbildungen auf sich warten lassen, aber Pelle und Ben waren nicht nur geduldig, sondern auch sehr, sehrhilfreich.
Mut zur Ferse, so das dortige, erleichternde Motto.
Die Folge: Druck weg, Ballast weg. Nicht nur in der Wohnung, sondern vor allem im Kopf. In den Füßen sowieso. Ich übernahm das Thema sogar in meinen Unterricht als Pflegelehrer. Zunächst mit selbst gebautem Barfußpfad, dann mit Exkursionen ins nahegelegene Naturschutzgebiet. Und hatte ich früher für umweltbewegte Pädagogen bzw. Lehrer in Sandalen bestenfalls ein müdes Lächeln übrig, bin ich jetzt selbst einer von ihnen. Die Auszubildenden sind aber sehr dankbar, bietet das Thema doch eine willkommene, praktische Abwechslung in der Natur. Auch wenn ich immer wieder staune, wie viele der (wie Thomas Gottschalk sagen würde) „jungen Menschen von heute“ ihre Füße nicht nur ignorieren, sondern regelrechte Fußphobien mit sich herumtragen.
Umso wichtiger, das zu ändern. Nächstes Jahr steht sogar ein eigenes Barfuß-Seminar auf dem Stundenplan. „Läuft“ doch!